Weiße Spargel türmen sich gerade auf jedem Wochenmarkt, und die Saison ist kurz — wer jetzt zögert, wartet bis nächstes Jahr. Risotto gilt als geduldiges Gericht, das ständige Aufmerksamkeit und einen vollen Topf heißer Brühe verlangt. Dass beides zusammen in gerade einmal 25 Minuten gelingt, klingt nach einem Versprechen, das die Küche kennt: dem eines echten Profi-Tricks. Cornelia Poletto, eine der renommiertesten Köchinnen Deutschlands, zeigt, wie ein einfacher Temperaturwechsel bei der Brühe den gesamten Kochprozess neu definiert.
Der Trick mit der kalten Brühe widerspricht allem, was man über Risotto gelernt hat — und genau darin liegt seine Eleganz. Statt kellenweise heiße Flüssigkeit Schöpfer für Schöpfer einzurühren, gibt Poletto die Brühe kalt und auf einmal dazu, was die Kochzeit deutlich verkürzt, ohne die cremige Konsistenz zu opfern. Das Ergebnis ist ein Risotto, das nach Frühling schmeckt: zart nussig, leicht bitter vom Spargel, mit einem seidigen Abgang aus Parmesan und Butter. Schürze raus — dieses Risotto wartet nicht.
| Vorbereitung | 10 Min. |
| Garzeit | 15 Min. |
| Portionen | 4 Personen |
| Schwierigkeitsgrad | Mittel |
| Kosten | €€ |
| Saison | Weißer Spargel, Frühlingszwiebeln, frische Kräuter |
Geeignet für: Vegetarisch · Glutenfrei (bei zertifizierter Brühe)
Zutaten
Für das Risotto
- 500 g weißer Spargel, frisch, fest und duftig
- 300 g Risottoreis (Carnaroli oder Vialone Nano)
- 1,2 l Gemüse- oder helle Hühnerbrühe, kalt
- 1 Schalotte, fein gewürfelt
- 2 EL Olivenöl, kaltgepresst
- 150 ml trockener Weißwein
- 60 g Parmigiano Reggiano, frisch gerieben
- 50 g kalte Butter, in Würfeln
- Salz und frisch gemahlener weißer Pfeffer
Zum Anrichten
- Einige Spargelspitzen, kurz in Butter geschwenkt
- Frischer Schnittlauch, fein gerollt
- Hochwertiges Olivenöl zum Beträufeln
Küchengeräte
- Breiter, schwerer Topf oder Sauteuse (mindestens 28 cm Durchmesser)
- Holzlöffel oder hitzebeständiger Silikonspatel
- Scharfes Schälmesser
- Sparschäler
- Feine Reibe für den Parmesan
- Kleine Pfanne für die Spargelspitzen
Zubereitung
1. Spargel schälen und vorbereiten
Den weißen Spargel von oben nach unten großzügig schälen — weißer Spargel vergibt keine halbherzigen Schnitte, die Schale ist fasrig und bitter. Das holzige Ende, meist die untersten zwei bis drei Zentimeter, wird abgebrochen, nicht geschnitten: Der Spargel bricht dort, wo er natürlicherweise zart wird. Die Spargelstangen in schräge Scheiben von etwa einem Zentimeter schneiden, die Spitzen separat beiseitelegen. Diese Spitzen kommen später in eine kleine Pfanne mit etwas Butter und werden dort bei mittlerer Hitze zwei bis drei Minuten geschwenkt, bis sie goldgelb und leicht karamellisiert duften — sie sind die Dekoration und der Beweis, dass man beim Spargel nichts dem Zufall überlässt.
2. Die Basis: Schalotten anschwitzen und Reis nacieren
Das Olivenöl im breiten Topf bei mittlerer Hitze erwärmen, bis es leicht schimmert. Die Schalottenwürfel hineingeben und bei ruhiger Hitze glasig anschwitzen — das bedeutet: weich und durchscheinend, ohne jede Bräunung. Dieser Schritt dauert etwa zwei Minuten und legt die aromatische Grundlage. Den Risottoreis direkt zu den Schalotten geben und unter ständigem Rühren zwei Minuten nacieren: Das Nacieren beschreibt das trockene Rösten des Reises im Fett, bis jedes Korn wie von innen zu leuchten beginnt und ein leicht nussiger Duft aufsteigt. Dieser Schritt versiegelt die Stärke auf der Kornoberfläche und sorgt später für die typische, schlotzig-cremige Konsistenz des Risottos.
3. Ablöschen mit Weißwein
Den Weißwein mit einem schwungvollen Schuss in den Topf geben — es zischt und dampft, der Alkohol steigt für einen Moment auf. Unter kräftigem Rühren die Flüssigkeit vollständig in den Reis einarbeiten lassen, bis keine Weinpfützen mehr auf dem Topfboden stehen. Diese Phase dauert etwa eine Minute. Der Wein liefert Säure und Frische, die das Gericht später ausbalancieren — ein trockener Grauburgunder oder ein junger Verdicchio passen hier aromatisch besonders gut, weil ihre Struktur den Spargel nicht übertönt.
4. Der Trick: kalte Brühe auf einmal
Hier kommt Polettos entscheidende Abweichung von der klassischen Methode: Die gesamte kalte Brühe auf einmal in den Topf gießen. Kalt — nicht heiß, nicht lauwarm. Der Temperaturschock bremst den Garprozess kurz ein und gibt dem Reis die Zeit, die Flüssigkeit gleichmäßig und kontrolliert aufzunehmen. Die Hitze auf mittelhoch stellen, die Brühe bis zum Köcheln bringen und dann bei mittlerer Hitze unter gelegentlichem Rühren — nicht ständigem — offen köcheln lassen. Der Reis braucht jetzt etwa 12 bis 13 Minuten. Wer zu früh rührt, bricht die Stärkestruktur auf; wer zu selten rührt, riskiert Anbrennen. Ein Rhythmus von alle zwei Minuten genügt.
5. Spargel einarbeiten
Wenn der Reis noch einen leichten Biss hat — die Köche nennen diesen Zustand al dente, also „auf den Zahn" — die vorbereiteten Spargelscheiben (nicht die Spitzen) einrühren. Der Spargel braucht nur noch drei bis vier Minuten, um gar zu werden, und profitiert davon, nicht zu lange Hitze ausgesetzt zu sein: zu langes Kochen zerstört seine delikate, leicht erdige Note und seine zarte Textur. Der Topf sollte jetzt noch etwas Restfeuchtigkeit enthalten — das Risotto ist fertig, wenn die Konsistenz fließend ist, sich beim Schütteln des Topfes wie eine Welle bewegt.
6. Mantecatura: Butter und Parmesan einmontieren
Den Topf vom Herd ziehen. Die kalten Butterwürfel und den frisch geriebenen Parmesan in den Reis geben. Mit einem Holzlöffel oder Spatel kräftig einrühren — diese Phase heißt Mantecatura und ist das Herzstück jedes Risottos: Die Stärke, die der Reis abgegeben hat, verbindet sich mit dem Fett aus Butter und Käse zu einer samtigen, homogenen Emulsion. Kräftig salzen, weiß pfeffern. Das Risotto sofort anrichten — es wartet nicht.
Mein Chef-Tipp
Im Mai ist weißer Spargel auf seinem absoluten Höhepunkt — kaufen Sie ihn am Morgen auf dem Markt, nicht verpackt im Supermarkt. Frischer Spargel bricht nicht, er biegt sich. Wer keinen weißen Spargel findet oder eine leichtere Variante sucht, kann grünen Spargel verwenden: Er muss nicht geschält werden, hat eine intensivere, grasige Note und braucht noch eine Minute weniger Garzeit. Die Brühe für das Risotto lässt sich wunderbar aus den Spargelschalen und den abgebrochenen Enden kochen — das dauert 20 Minuten und hebt den Spargelgeschmack im fertigen Gericht auf eine ganz andere Ebene.
Wein zum Gericht
Spargel ist ein anspruchsvoller Weinbegleiter: seine leicht bittere, mineralische Note macht viele Rotweine unmöglich und verlangt nach kühler Frucht und lebendiger Säure.
Die klassische Empfehlung ist ein Weißburgunder aus der Pfalz oder dem Rheingau — trocken, mit frischer Birnen- und Zitrusaromatik, die die Spargelspitze aufgreift, ohne sie zu überdecken. Ein Grüner Veltliner Smaragd aus der Wachau funktioniert ebenfalls: würziger Abgang, weißer Pfeffer, mineralischer Kern. Wer keinen Alkohol trinkt, ist mit einem gut gekühlten Holunderblüten-Sprudel oder einem ungesüßten Spargel-Kräutertee bestens bedient — die Frühlingskräuter spiegeln die Saisonalität des Tellers direkt wieder.
Über dieses Gericht
Risotto stammt aus der norditalienischen Poebene, wo kurzkörniger Stärkereis seit dem 16. Jahrhundert angebaut wird. Die Kombination mit Spargel ist keine Erfindung der modernen Küche, sondern hat tiefe Wurzeln: In der Lombardei und im Veneto ist Risotto con asparagi ein Frühjahrsklassiker, der mit dem ersten Marktspargel auf den Tisch kommt. Dass dieses Gericht in Deutschland heute so präsent ist, verdankt sich der besonderen Affinität der deutschen Küche zum weißen Spargel — nirgendwo in Europa wird er so kultiviert und zelebriert wie hier.
Cornelia Poletto, die aus Hamburg stammende Spitzenköchin mit italienischen Wurzeln, ist bekannt dafür, mediterrane Techniken mit norddeutscher Präzision zu verbinden. Ihr Trick mit der kalten Brühe ist kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrelanger Küchenerfahrung: In der Restaurantküche zählt jede Minute, und ein Risotto, das ohne konstantes Rühren und ohne Warmhalten der Brühe gelingt, ist keine Vereinfachung — es ist handwerkliche Effizienz. Die Variante lässt sich auch auf andere Risottoarten übertragen: Erbsen und Minze im Frühjahr, Steinpilze im Herbst, Radicchio und Taleggio im Winter.
Nährwerte (pro Portion, Richtwerte)
| Nährstoff | Menge |
|---|---|
| Kalorien | ~480 kcal |
| Eiweiß | ~14 g |
| Kohlenhydrate | ~62 g |
| davon Zucker | ~4 g |
| Fett | ~18 g |
| Ballaststoffe | ~4 g |
Häufige Fragen
Kann man das Risotto vorbereiten?
Risotto lässt sich bis zu einem gewissen Punkt vorbereiten: Den Reis nacieren, mit Wein ablöschen und die Brühe einarbeiten — dann den Herd ausschalten und den Reis bei etwa 80 % Gargrad stehen lassen. Kurz vor dem Servieren wieder aufwärmen, den Spargel einrühren und mit Butter und Parmesan vollenden. Diese Methode wird in Restaurantküchen als Risotto al salto oder „angestelltes Risotto" bezeichnet und funktioniert gut, wenn zwischen Vorbereitung und Fertigstellung nicht mehr als eine Stunde liegt.
Wie bewahrt man Reste auf?
Übrig gebliebenes Risotto lässt sich abgedeckt bis zu zwei Tage im Kühlschrank aufbewahren. Beim Aufwärmen einen Schuss Brühe oder Wasser hinzugeben und bei mittlerer Hitze unter ständigem Rühren erwärmen — das Risotto zieht sonst an und verliert seine Cremigkeit. Alternativ lassen sich flache Taler formen, die man in etwas Butter von beiden Seiten goldbraun brät: das ergibt einen knusprigen Risotto al salto, ein klassisches lombardisches Resteessen.
Welcher Reis eignet sich am besten?
Carnaroli gilt als der zuverlässigste Risottoreis: großes Korn, hoher Stärkegehalt, verzeiht leichtes Übergaren. Vialone Nano ist etwas kleiner und gibt mehr Stärke ab — das Ergebnis ist noch cremiger, aber der Garpunkt ist knapper. Arborio, der in Deutschland am häufigsten erhältliche Risottoreis, funktioniert ebenfalls, neigt aber schneller zur Überweichheit. Keinesfalls normalen Langkornreis oder Basmati verwenden: sie geben keine Stärke ab und erzeugen keine Bindung.
Warum muss die Brühe kalt sein?
Heiße Brühe, kellenweise hinzugegeben, geht den klassischen Risottoweg: Der Reis gart langsam, die Stärke wird Schicht für Schicht gelöst, was Geduld und ständiges Rühren erfordert. Kalte Brühe auf einmal erzeugt einen kontrollierten Temperaturabfall im Topf und verlangsamt den ersten Garmoment — der Reis hat dadurch mehr Zeit, die Flüssigkeit gleichmäßig aufzunehmen, bevor er überkocht. Das Ergebnis ist ein gleichmäßigeres Garen und eine Zeitersparnis von bis zu zehn Minuten. Der Trick funktioniert am besten mit einem breiten, schweren Topf, der Hitze gleichmäßig verteilt.
Kann man das Rezept vegan zubereiten?
Ja, mit zwei Anpassungen: Butter durch hochwertiges Olivenöl oder eine gute vegane Butter ersetzen, Parmesan durch Hefeflocken kombiniert mit fein gemahlenem Cashew oder einem veganen Hartkäse. Die Gemüsebrühe sollte kräftig gewürzt sein, um die Tiefe zu liefern, die sonst Butter und Käse geben. Ein Schuss kalt gepresstes Olivenöl beim Fertigstellen gibt zusätzlichen Körper.



