Johann Lafer erklärt: Warum Spargel aus Beelitz im Mai geschmacklich kaum zu schlagen ist

Mai in Brandenburg: Die Felder rund um Beelitz liegen unter einem weichen Morgennebel, während die ersten Erntewagen die Dämme entlangfahren. Weißer Spargel, gerade aus dem Sandboden gezogen, noch kühl von der Nacht – das ist kein Gemüse, das man einfach kauft. Das ist eine Jahreszeit, die man verkostet. Und wer weiß, was guten Spargel ausmacht, wird schnell verstehen, warum Beelitz seit Generationen als eine der bedeutendsten Spargelregionen Deutschlands gilt.

Sternekoch Johann Lafer gehört zu jenen Köchen, die bei Spargel keine Kompromisse kennen. Er erklärt, was den Beelitzer Spargel im Mai geschmacklich von anderen Anbauregionen unterscheidet – und warum der genaue Erntezeitpunkt, der Boden und die Verarbeitung entscheidender sind, als die meisten ahnen. Wer diese Zusammenhänge einmal verstanden hat, geht anders zum Markt, kocht anders – und schmeckt den Unterschied.

Der Boden macht den Unterschied

Beelitz liegt auf einem ausgedehnten Sandrücken südwestlich von Berlin, dem sogenannten Fläming-Ausläufer. Dieser leichte, durchlässige Sandboden ist für den Spargelanbau nahezu ideal: Er wärmt sich im Frühjahr schnell auf, lässt Feuchtigkeit gleichmäßig versickern und bietet den Stangen wenig Widerstand beim Wachsen. Das Ergebnis sind Stangen, die besonders zart und faserarm sind – mit einer feinen, fast milchigen Textur, die man bereits beim Schälen spürt.

Johann Lafer betont diesen Punkt immer wieder: Terroir, also der Begriff aus dem Weinbau für den prägenden Einfluss von Boden, Klima und Lage, gilt auch für Spargel. Spargel aus schwerem Lehmboden wächst langsamer, bildet dickere Zellwände und entwickelt mitunter eine holzige Note in den unteren Abschnitten. Beelitzer Spargel dagegen bleibt auf seiner gesamten Länge weich und zart – vorausgesetzt, er wird zum richtigen Moment gestochen.

Warum der Mai die entscheidende Phase ist

Die Spargelsaison beginnt in Brandenburg üblicherweise Ende April und endet strikt am 24. Juni, dem Johannistag. Doch der Mai ist die Hochphase – und das aus mehreren Gründen. Die Bodentemperatur hat sich stabilisiert, das Wachstum der Stangen verläuft gleichmäßiger als in den unbeständigen April-Nächten, und die Stangen erreichen ihre optimale Länge von 18 bis 22 Zentimetern, bevor sie an der Spitze lila anlaufen oder sich öffnen.

Lafer erklärt es mit einem einfachen Bild: Ein Spargel, der zu früh gestochen wird, enthält mehr Wasser und weniger aromatische Verbindungen. Einer, der zu spät kommt, beginnt bereits mit der Bitterstoffentwicklung. Der Mai trifft – unter normalen Wetterbedingungen – genau dieses schmale Fenster, in dem die Asparaginsäure und die natürlichen Zucker im Gleichgewicht stehen. Das ergibt jene feine Süße mit einem dezenten, erdig-nussigen Hintergrund, den Spargelkenner so schätzen.

Handarbeit als Qualitätsmerkmal

Beelitzer Spargel wird ausschließlich von Hand gestochen. Kein Ernteroboter kann bislang so zuverlässig beurteilen, ob eine Stange die richtige Länge und Dichte erreicht hat – das erfordert Erfahrung und ein geübtes Auge. Die Stangen werden einzeln mit einem langen Spargelstecher unter der Erde gefasst und mit einer präzisen Drehbewegung gelöst, ohne die benachbarten Triebe zu beschädigen.

Diese Sorgfalt hat direkte Auswirkungen auf den Geschmack: Mechanisch geerntete Stangen weisen häufig Druckstellen auf, an denen Oxidationsprozesse schneller einsetzen. Das verändert das Aroma messbar. Wer Beelitzer Spargel am Vormittag des Erntedatums kauft, hält ein Produkt in der Hand, das kaum mehr als wenige Stunden aus dem Boden ist – eine Frische, die man riechen kann.

Was Johann Lafer in der Küche anders macht

Für Lafer beginnt der respektvolle Umgang mit Beelitzer Spargel bereits beim Schälen: nicht zu dünn, nicht zu dick. Die äußere Schicht des weißen Spargels enthält Bitterstoffe und grobe Fasern – sie muss vollständig entfernt werden, etwa einen halben Zentimeter tief. Das untere Drittel der Stange schält er stärker als das obere, da sich dort mehr Fasern konzentrieren. Den holzigen Stängelansatz schneidet er mindestens zwei Zentimeter ab.

Beim Kochen empfiehlt Lafer einen einfachen, aber wirkungsvollen Ansatz: Die Schalen nicht wegwerfen, sondern kurz mit Wasser aufkochen, abseihen und diesen Fond als Kochflüssigkeit verwenden. So intensiviert sich das eigene Aroma des Spargels, ohne dass zusätzliche Zutaten nötig wären. Ins Kochwasser kommen eine Prise Zucker, etwas Salz und ein kleines Stück Butter – mehr nicht. Kochzeit bei weißem Spargel je nach Dicke zwischen 12 und 18 Minuten, immer leicht siedend, nie sprudelnd kochend.

„Guter Spargel braucht keine Ablenkung. Er braucht Respekt – und einen Koch, der weiß, wann er schweigen soll."

Klassisch oder modern: Wie Lafer Spargel serviert

Lafer schätzt die klassische Begleitung – Sauce hollandaise, jene butterreiche, mit Eigelb emulgierte Reduktion, die in ihrer Textur seidig und im Geschmack leicht säuerlich ist –, hält aber auch nichts von Dogmatismus. Im Mai empfiehlt er alternativ eine leichte Beurre blanc mit Zitronenabrieb, die den Eigengeschmack des Spargels weniger dominiert als eine vollmundige Hollandaise.

Zum Beelitzer Spargel passt klassisch ein junger Franken-Silvaner oder ein mineralischer Elsässer Pinot Blanc – beide haben genug Frucht, um mit der Süße des Spargels mitzuspielen, und genug Säure, um die Butter der Sauce zu durchschneiden. Wer keinen Wein trinkt, greift zu einem stillen Wasser mit Zitronenscheibe oder einem ungesüßten Holunderblütensirup, der selbst ebenfalls gerade Saison hat.

Herkunft, Geschichte und Geografische Angabe

Spargel aus Beelitz wird bereits seit dem 19. Jahrhundert kommerziell angebaut – erste Aufzeichnungen verweisen auf das Jahr 1861. Die Region entwickelte sich durch ihre günstige Lage nahe Berlin rasch zu einem wichtigen Lieferanten für die Hauptstadtküchen. Heute trägt Beelitzer Spargel das Siegel der geschützten geografischen Angabe (g.g.A.) der Europäischen Union, was bedeutet: Nur Spargel, der tatsächlich auf den Feldern rund um Beelitz angebaut und gestochen wird, darf diesen Namen tragen.

Das jährliche Beelitzer Spargelfest, eine der größten regionalen Lebensmittelmessen in Ostdeutschland, macht die besondere Bedeutung dieses Produkts für die Region sichtbar. Der Spargel ist dort nicht Beilage, sondern Hauptdarsteller – und das aus gutem Grund.

Einkauf und Lagerung: Was wirklich zählt

Frischer Beelitzer Spargel erkennt man an fest geschlossenen Köpfen, einem feuchten Schnittende und einem leichten Quietschen, wenn man zwei Stangen aneinanderreibt. Wer die Stangen leicht biegt, sollte Widerstand spüren – schlaffer Spargel hat schon zu viel Feuchtigkeit verloren.

Zu Hause hält sich frischer Spargel im unteren Kühlschrankfach eingewickelt in ein feuchtes Küchentuch maximal zwei Tage – danach nehmen Aroma und Textur spürbar ab. Lafer empfiehlt: kaufen, heute kochen. Spargel ist kein Vorratsgemüse.

Nährwerte (pro 100 g weißer Spargel, roh, Werte approximativ)

NährstoffMenge
Kalorien~18 kcal
Eiweiß~1,9 g
Kohlenhydrate~2,0 g
davon Zucker~1,4 g
Fett~0,1 g
Ballaststoffe~1,5 g
Folsäure~52 µg
Kalium~180 mg

Häufige Fragen

Worin unterscheidet sich Beelitzer Spargel konkret von anderem deutschen Spargel?

Der leichte Sandboden des Fläming-Ausläufers ermöglicht ein besonders zartes, faserfreies Wachstum. Die Stangen bleiben auf ihrer gesamten Länge gleichmäßig weich und entwickeln eine feinere Süße als Spargel aus schwereren Böden. Die geschützte geografische Angabe der EU garantiert zusätzlich, dass nur echte Beelitzer Herkunft auch so bezeichnet werden darf.

Wann ist die beste Zeit, Beelitzer Spargel zu kaufen?

Der Mai gilt als die geschmacklich stärkste Phase der Saison. Die Bodentemperaturen sind dann stabil, das Wachstum gleichmäßig, und die Stangen zeigen das beste Verhältnis zwischen natürlicher Süße und feinem Aroma. Wer auf Wochenmärkten in Berlin-Brandenburg kauft, erhält häufig Ware, die am selben Morgen gestochen wurde.

Muss man Beelitzer Spargel anders zubereiten als normalen Spargel?

Die Grundtechnik bleibt dieselbe: sorgfältig schälen, Ansatz abschneiden, in leicht siedendem Wasser mit Salz, Zucker und Butter garen. Der einzige Unterschied: Wegen der zarten Struktur des Beelitzer Spargels reichen oft 12 bis 14 Minuten bei mittlerer Dicke aus – zu langes Kochen wäre verschwendet an ein Gemüse dieser Qualität.

Kann man Beelitzer Spargel einfrieren?

Grundsätzlich ja – geschält und blanchiert (etwa drei Minuten in kochendem Salzwasser, dann sofort in Eiswasser abschrecken) lässt sich Spargel einfrieren und hält sich dort bis zu sechs Monate. Die Textur verändert sich dabei leicht und wird nach dem Auftauen etwas weicher. Für Suppen und Saucen ist eingefrorener Spargel gut geeignet, für das klassische Spargelgericht mit Sauce hollandaise ist er frisch schlicht nicht zu ersetzen.

Was sagt die g.g.A.-Kennzeichnung konkret aus?

Die geschützte geografische Angabe der Europäischen Union bedeutet, dass mindestens eine entscheidende Produktionsstufe – in diesem Fall der Anbau und die Ernte – im definierten geografischen Gebiet rund um Beelitz stattgefunden haben muss. Das Siegel schützt vor irreführenden Bezeichnungen und hilft Verbrauchern, echte Regionalware zu erkennen. Beim Kauf lohnt ein Blick auf das EU-Logo mit dem roten und gelben Emblem auf der Verpackung oder dem Marktschild.